“Zukunft steht auf dem Spiel”: Reisner lässt aufhorchen

Oberst Markus Reisner zeigt auf, wie die Ukraine zuletzt Gelände zurückgewinnen konnte und was Trumps Iran-Chaos für Auswirkungen für Kyjiw hat.

Der russische Vormarsch – ohnehin zuletzt im Schneckentempo – ist nicht so unaufhaltsam, wie es Putins Propaganda allen glauben machen will. An Teilen der Front hat sich das Blatt zuletzt gewendet, die Ukrainer konnten deutlich Gelände gewinnen.

Möglich machte das unter anderem das gänzlich selbst verschuldete Kommunikationschaos auf russischer Seite der Front: Starlink ist wegTelegram massiv eingeschränkt, an adäquaten Alternativen fehlt es.

Kann trotz allem der Bluff des unausweichlichen Sieges aufgehen? “Russland versucht, uns seit Jahren zu erklären, dass sie zwar zu Beginn einen Rückschlag erlitten haben – wobei sie dieses Wort gar nicht in den Mund nehmen –, aber den Abnützungskrieg gewinnen werden”, erklärt Oberst Markus Reisner die Putin-Propaganda im sogenannten Informationsraum. Zwar seien beide Seiten von Unterstützern (China, USA) abhängig, doch ist der wankelmütige Donald Trump hier ein großer Unsicherheitsfaktor.

Und: Derzeit fokussiert er sich auf das von ihm angerichtete Chaos im Iran und den Weltmärkten. Das trifft die Ukraine hart und spielt Putin (Stichwort Sanktionslockerung) in die Hände. Für Kyjiw stellt sich die Frage, ob es auf lange Sicht alle notwendigen Ressourcen für eine Abwehr Russlands aufbringen wird können.

In Reisners Augen gibt es dabei eine gute und eine schlechte Nachricht für die Ukrainer: Die Gute ist, dass es die Ukraine offenbar auch im fünften Kriegsjahr es immer noch schafft, die russischen Vorstöße auf taktischer und operativer Ebene zurückzuhalten. Wichtig dabei sind die Zehntausenden Drohnen, die teils schon im Land selbst gebaut werden.

Dringend benötigter Tropfen auf heißen Stein

Auf strategischer Ebene sehe es aber schlecht aus: Die Ukraine leidet alle 5 bis 10 Tage unter schweren Luftangriffen, deren Abwehr kaum möglich ist. Jetzt werden die ohnehin schon knappen Fliegerabwehrraketen vom Typ “Patriot” im Nahen Osten gebraucht. Dort wurden in den letzten zwei Wochen fast 1.000 Stück der je 4 Millionen Dollar teuren Raketen verschossen.

Oberst Markus Reisner leitet seit 1. März 2024 das Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.

Oberst Markus Reisner leitet seit 1. März 2024 das Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.

Bundesheer/Kristian Bissuti

Währenddessen hätten westliche Unterstützer auf der Münchner Sicherheitskonferenz “verzweifelt” versucht, der Ukraine nur 30 Stück davon zu beschaffen. “Die Ukraine braucht aber diese Fliegerabwehrraketen, sonst kann sie nicht dagegenhalten.”

Trumps Selbstherrlichkeit

Kyjiw sieht aber auch eine Chance: Sie bietet den Golfstaaten ihre gewonnene Expertise in günstiger Abwehr einfacher Drohnen, in der Hoffnung, ein paar der “Patriot”-Raketen zu bekommen, mit denen sie russische Marschflugkörper und ballistische Raketen bekämpfen kann.

“Das läuft gerade und es schaut so aus, als ob man darauf zukommen würde. Problem ist auch hier die USA, Trump hat aus einer gewissen Selbstherrlichkeit heraus den Ukrainern ausrichten lassen, wir können auf eure Unterstützung verzichten.”

Damit falle es wieder den Europäern zu, das zu kompensieren. Positiv sei, dass Frankreich Frankreich eine Batterie SAMP/T, das europäische Pendant zu “Patriot”, zur Verfügung stellen wird. “Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es ist immerhin ein Tropfen, den die Ukraine dringend braucht”, so Reisner.

Drohnen beherrschen die Front

Dass die Ukraine trotz chronischem Personalmangel jetzt erfolgreich vormarschieren konnte, habe die Art, wie dieser Krieg geführt wird, möglich gemacht, erklärt der Offizier am Dienstag im Ö1-Morgenjournal: “Wir haben keine durchlaufende Front, sondern eine Grauzone. Man muss sich eine gedachte Mittellinie vorstellen und links und rechts davon 20 Kilometer, die von Drohnen beherrscht werden.”

Dort gebe es nur kleine Stützpunkte mit geringer Zahl an Soldaten. Diese müssten aufgrund der großen Distanzen teils sogar auf Satellitenkommunikation zurückgreifen.

“Hier gelingt es der einen oder anderen Seite, diese kleinen Stützpunkte zu errennen, oder die Stoßtrupps der Russen zurückzudrängen. Dann kommt es in relativ kurzer Zeit zu großen Gebietsgewinnen, wie das in Saporischschja geschehen ist.” Die Ukrainer hätten dabei auch einen russischen Vorstoß, der die Reihen ausgedünnt hatte, zum eigenen Vorteil genützt. “Darum haben wir jetzt dieses absolut bemerkenswerte Ergebnis.”

Zukunft des Landes steht auf dem Spiel

Dennoch hängt eine Frage wie ein Damoklesschwert über Kyjiw und dem Kreml: Wem gehen früher die Soldaten aus?

“Beide Seiten haben große Herausforderungen mit dem Personal”, erklärt der Kriegsbeobachter. Für die Ukraine kämpfen derzeit 10 bis 15.000 Freiwillige aus dem mittelamerikanischen Raum, auch Russland setzt auf Freiwillige und “Freiwillige”. Viele davon werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen unter anderem in Afrika angeworben. “Die kommen, weil sie glauben, sie arbeiten in irgendeiner Fabrik und werden dann an die Front geliefert.”

Für Reisner sind besonders zwei demografische Herausforderungen relevant: Einerseits das Unverhältnis zwischen beiden Ländern. In der Ukraine leben circa noch 33 Millionen Menschen, in Russland sind es 148 Millionen. Das macht es natürlich für den Kreml leichter, Soldaten aufzubringen.

Andererseits – und das betrifft beide Seiten – fehlt es aufgrund der Depression und dem Rückgang der Geburtenraten nach dem Ende des Kalten Krieges an jungen Menschen. Gerade bei den 18- bis 25-Jährigen gibt es einen deutlichen Knick in der Bevölkerungspyramide.

“Hier steht faktisch die Zukunft des Landes auf dem Spiel. Das ist auch der Grund, warum Selenskyj sich so zurückhält, die zu mobilisieren. Aber am Ende des Tages braucht es Soldaten, um gewonnenes Gelände zu halten und diesen Krieg weiterführen zu können – auch wenn es bedeutet, dass viele fallen, verstümmelt oder traumatisiert werden”, so Reisners tragisches Fazit.

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